Bücher über das Krisenjahr 1923: Höllenritt und Höhenrausch

Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman hat ein Bild der Geschichte als „entfernter Spiegel“ geschaffen. Ihr gleichnamiges Buch handelt vom 14. Jahrhundert, das in Europa durch den Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich geprägt war.

Tuchman war eine überzeugende und elegante Geschichtenerzählerin, aber ihr 1978 erschienenes Buch wurde wahrscheinlich auch deshalb zum Bestseller, weil es viele Leser an die militärisch schwer bewaffnete Gegenwart des Kalten Krieges erinnerte.

Lehrbücher mit der Jahreszahl im Titel boomen seit geraumer Zeit auf dem Buchmarkt. Es geht selten um das Mittelalter und seine Ritter und später heiliggesprochenen Rebellen wie Jeanne d’Arc. Besonderes Augenmerk wird auf unsere nahen Verwandten aus der Generation der Großmütter und Urgroßväter gelegt.

Hundertjahrfeiern sind ein beliebter Anlass, in den Spiegel der Zeitgeschichte zu blicken. Besonders geschickt hat das Florian Illies 2013 mit seinem Buch „1913“ gemacht, das nicht vom Ersten Weltkrieg handelt, sondern als Kaleidoskop seiner unmittelbaren Geschichte, – so der Untertitel – „Der Jahrhundertsommer“.

Die Weimarer Republik brach 1933 zusammen, hätte aber zehn Jahre früher zusammenbrechen können. Hyperinflation, vier Millionen Arbeitslose, das Rheinland ist besetzt, Hitler inszeniert einen Staatsstreich in München, Generäle in Berlin planen einen Staatsstreich.

Bücher wie „Das deutsche Trauma“ (Mark Jones), „Das Jahr am Abgrund“ (Volker Ullrich) oder „Außer Kontrolle“ (Peter Longerich) erzählen, wie die Situation eskalierte und wie die Demokratie daraus herauskam. aufs Neue.

Etwas einladender klingt Christian Bommarius, der seinem Buch den Titel „Berauschte Rebellion“ gab. Und Peter Süss nannte seine nach Monaten gegliederte Chronik schlicht „die letzte Station“, fordert aber: „Alle einsteigen!“. Denn 1923 war auch das Jahr des Durchbruchs des Dramatikers Brecht und der ersten Bauhaus-Ausstellung.

Höllenfahrt und große Höhe. Zeitgenossen betrachteten 1923 als “großes Jahr”. Im Vergleich zu den Katastrophen von damals wirken die vielfältigen Krisen unserer Gegenwart fast harmlos.

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